{"id":1046,"date":"2016-08-03T16:41:12","date_gmt":"2016-08-03T14:41:12","guid":{"rendered":"http:\/\/new.sgs-sss.ch\/new\/?page_id=1046"},"modified":"2026-03-09T18:10:38","modified_gmt":"2026-03-09T17:10:38","slug":"stadtsoziologie","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.sgs-sss.ch\/de\/forschungskomitees\/stadtsoziologie\/","title":{"rendered":"Stadtsoziologie"},"content":{"rendered":"<p>Aufgrund ihrer konstitutiven Heterogenit\u00e4t hat die Stadt die Soziologen immer fasziniert. Von Max Weber \u00fcber Engels, die Chicagoer Schule bis Bruno Latour wird von den Soziologen die Stadt als der \u201eb\u00f6se Geist\u201c wahrgenommen, dessen Komplexit\u00e4t allen monolithischen Formalisierungen widersteht. Nun ver\u00e4ndert sich die Stadt radikal. Diese aktuellen Umwandlungen \u2013 \u00dcbergang vor der industriellen Stadt zum urbanen Raum und Lebensweisen ohne klare Grenzen, vom Stadtregime zur Metropolenbildung \u2013 gehen einher mit dem Wandel der Produktionsweisen (vom industriellen Kapitalismus zur vernetzten Produktion, unsichtbar gemacht und delokalisiert, die als Sp\u00e4tkapitalismus sowie als projektbezogener oder kognitiver Kapitalismus bezeichnet wird). Von der industriellen Stadt bis zur Metropole l\u00e4sst sich eine doppelte Dynamik beobachten: Zersiedelung (Suburbanisierung, Periurbanisieung, \u201eRurbanisierung\u201c, diffuse Stadt) und Verdichtung\u00a0(Bildung von Entscheidungszentren, von infrastrukturellen Hubs, von Produktionsclusters, von urbanen Zonen).\u00a0W\u00e4hrend die grossen Agglomerationen sich polarisieren und Netzwerke auf weltweiter Ebene bilden, zeichnen sich ihre Metropolitangebiete durch zunehmende Fragmentierungen aus, sowohl in r\u00e4umlicher Hinsicht als auch mit Blick auf soziale Ungleichheiten. Die Dominanz der Stadtzentren in den heutigen Produktionssystemen f\u00fchrt zu einer Metamorphose der Inwertsetzungsprozesse von R\u00e4umen und Territorien. Die konstitutive Heterogenit\u00e4t der St\u00e4dte nimmt aufgrund dieser Transformationen, zu denen sich eine Mobilit\u00e4tsvielfalt gesellt, die weit mehr als die klassischen Migrationsformen umfasst, weiter zu.<\/p>\n<p>Die Stadt bleibt deshalb ein Laboratorium f\u00fcr die Erforschung der politischen Arbeit am Gemeinsamen, des Ausdrucks von Differenzen sowie neuartiger Modalit\u00e4ten von Macht und Herrschaft.<\/p>\n<p>Die Entwicklung der Immobilienpreise und die Globalisierung der \u00d6konomie, der Wandel der Produktionsweisen und damit auch der Produktion des Raumes, der Lebensweisen, der Gewohnheiten sowie der Subjektivit\u00e4ten, rufen nach einer transversalen Soziologie: Gefragt ist eine Soziologie, die f\u00e4hig ist, Macht- und Unterdr\u00fcckungsmechanismen im Zusammenspiel mit der Ver\u00e4nderung der Lebensweisen, der Raumstrukturen und der individuellen Erfahrungen und \u201espacings\u201c zu analysieren.<\/p>\n<p>Mehr als die Stadtsoziologie versammelt die urbane Soziologie deshalb originelle und vielf\u00e4ltige Arbeiten. Das Urbane bleibt stets im Zentrum der Forschung, w\u00e4hrend sich der Fokus an den jeweiligen Gegenstand anpasst und verschiebt:<\/p>\n<p>(1) Die urbane Soziologie ist transdisziplin\u00e4r und arbeitet eng mit verwandten Disziplinen (insbesondere \u00ab\u00a0urban studies\u00a0\u00bb, Stadtentwicklung, Geographie, Philosophie und politische Wissenschaft), um die Wechselwirkungen zwischen der Stadt bzw. dem \u00ab\u00a0Urbanen\u00a0\u00bb und der ganzen Gesellschaft zu erfassen.<\/p>\n<p>(2) Durch diese Transdisziplinarit\u00e4t sowie die gezielten Mehrsprachigkeit der Arbeitsgruppe werden Konzepte und Methoden geschmiedet, die es erlauben, die drei Ebenen des Urbanen und deren Wechselwirkungen zu in den Blick zu nehmen: r\u00e4umliche Formen, allt\u00e4gliche Verhaltensweisen und Erfahrungen, sowie institutionelle Systeme.<\/p>\n<p>(3) Um urbane Ph\u00e4nomene ad\u00e4quat zu erfassen, muss auf verschiedene Massst\u00e4be und Verbindungen zwischen den Ebenen geachtet werden, die in deren Hervorbringung zum Tragen kommen: Der Blick muss sowohl auf die Rolle der EinwohnerInnen hinsichtlich der urbanen Produktion als auch auf gr\u00f6ssere strukturelle Auseinandersetzungen gerichtet werden. Die Stadtsoziologie erneuert sich, indem sie zwei Ebenen besondere Aufmerksamkeit schenkt, die im Zentrum der zeitgen\u00f6ssischen Sozialwissenschaften stehen: die Dichte der menschlichen Erfahrungen (komplexe R\u00e4umlichkeiten\/\u201eSpacings\u201c, Gef\u00fchle, Engagements) und das Aufkommen neuer Machtformen (Ver\u00e4nderungen der normativen Systeme und der Kontrollformen, Rolle der neuen Technologien, \u201eProzeduralisierung\u201c des Rechts, etc.)<\/p>\n<p>(4) Von daher ist in der urbanen Soziologie der Gegensatz zwischen Mikro- und Makrosoziologie als \u00fcberholt zu betrachten.<\/p>\n<p>So rufen uns die Metamorphosen der Stadt zu einer erneuerten Infragestellung des urbanen Ph\u00e4nomens auf, f\u00fcr die auch eine Erneuerung der Forschungsinstrumente ben\u00f6tigt wird (Konzepte, Methoden, Problemstellungen).<\/p>\n<p>Luca Pattaroni und Maxime Felder<\/p>\n<p>Kontakt : urban@sgs-sss.ch<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aufgrund ihrer konstitutiven Heterogenit\u00e4t hat die Stadt die Soziologen immer fasziniert. 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