Bekanntlich halten sich soziale und gesundheitliche Ungleichheiten in Deutschland, Österreich und der Schweiz mit bemerkenswerter Hartnäckigkeit. Gründe dafür liegen vor allem in überdurchschnittlich hohen Belastungen in der Lebens- und Arbeitswelt von Gruppen mit niedrigem Sozialstatus. Sozialpolitik hat sich – bei allen Unterschieden zwischen den betrachteten Ländern – auf Sozialinvestition und Aktivierung konzentriert.
Das Thema «gesundheitliche Ungleichheit» hat in jedem dieser Gesundheitssysteme seit den 1990er Jahren zwar erheblich an Bedeutung gewonnen, ist aber weder in Prävention und Gesundheitsförderung noch in der Krankenversorgung zu einem Leitkonzept der Gesundheitspolitik geworden. Zudem bestehen trotz universalistischer Zugangsrechte und hohem Ressourceneinsatz – erneut bei manchen Unterschieden zwischen den Ländern – Ungleichheiten für sozial benachteiligte Gruppen beim Zugang zur Krankenversorgung fort oder haben sich sogar verstärkt.
Care durch Angehörige ist in den meisten europäischen Ländern das dominierende Versorgungsmodell für ältere Menschen. Wohlfahrtsstaatliche Konzepte setzen in der Regel voraus, dass Care für ältere Personen grundsätzlich eine familiäre Aufgabe ist. Insgesamt scheint wenig anerkannt zu sein, dass die Übernahme von Pflegeverantwortung die Vulnerabilität insbesondere von Personen im mittleren Lebensalter deutlich erhöht – vor allem von Frauen; dazu gehören wirtschaftliche Verluste, soziale Ausgrenzung sowie Beeinträchtigungen der psychischen und physischen Gesundheit. Das führt zu einer erhöhten bisher eher unsichtbaren Vulnerabilität von Personen die Erwerbstätigkeit und Care vereinbaren. In dem vorliegenden Paper wird «Vulnerabilität» an dem multidimensionalen Gesundheitsmodell des österreichischen Soziologen Jürgen Pelikan orientiert, der soziale, psychische und physische Dimensionen unterscheidet (Pelikan 2007, 2009). Der Beitrag basiert auf den Ergebnissen des Projekts COMBECA («Combining Employment with Care for the Aged», 2021–2025). Dabei handelt es sich um eine länderübergreifende, multiperspektivische Studie aus Österreich und der Schweiz (gefördert durch FWF und SNF) zu den Praktiken und Auswirkungen der Vereinbarung von Erwerbsarbeit und Care für ältere Angehörige im betrieblichen Kontext.
Es werden die Ergebnisse aus mehreren Forschungsmodulen präsentiert: eine systematische Literaturübersicht, eine Expert*innenstudie zu sozialpolitischen Perspektiven und betrieblicher Gesundheitsförderung, sowie Fallstudien zu den betrieblichen Praktiken im Umgang mit der Vereinbarung von Erwerbstätigkeit und Pflege, sowohl mit qualitativen als auch quantitativen Instrumenten erhoben.
Die Ergebnisse des COMBECA-Projekts zeigen, dass über die Situation jener Personen, die erwerbstätig sind und gleichzeitig Care-Aufgaben für ältere Angehörige übernehmen, bislang nur wenig systematisches Wissen vorliegt. Vor allem hinsichtlich des betrieblichen Kontextes gibt es relativ wenig Wissen über die spezifischen Bedürfnisse, die sich aus der Vereinbarung ergeben – sowohl für die Carer selbst als auch für Führungskräfte und Kolleg*innen am Arbeitsplatz. Auf Basis der Analyse der betrieblichen Praktiken und der Wahrnehmung damit verbundener Gesundheitsrisiken und -Ressourcen entwickelt dieser Beitrag eine Perspektive auf mögliche Handlungsoptionen. Abschliessend werden die möglichen Funktionen der weitgehenden Unsichtbarkeit des Themas «Vereinbarung von Erwerbsarbeit und Care» für unterschiedliche betroffene Akteure diskutiert.
Erkenntnisse über den Zugang zu professioneller Sorge und Unterstützung für junge LGBTQ+ Menschen, die einen Suizidversuch unternommen haben, sind nach wie vor lückenhaft. Dies gilt umso mehr für informelle Sorge und Unterstützung, die insbesondere durch Familie und Freund*innen geleistet wird. Ressourcen und die positive Rolle des persönlichen sozialen Umfelds werden dabei besonders selten berücksichtigt.
Im Rahmen eines Forschungsprojekts zu Suizidversuchsprozessen bei LGBTQ+ Jugendlichen und jungen Erwachsenen in der Schweiz wurde auch der Zugang zu Sorge und Unterstützung untersucht. Es wurden qualitative, problemzentrierte Interviews mit jungen LGBTQ+ Menschen, die einen Suizidversuch unternommen hatten und, soweit möglich, mit Personen aus ihrem sozialen Umfeld durchgeführt. Datenerhebung und -analyse erfolgten nach der Grounded Theory Methodologie. Das Sample umfasste 41 Personen: sieben bisexuelle oder lesbische cisgender Frauen, vier bisexuelle oder schwule cisgender Männer, 15 transgender oder nichtbinäre Personen mit unterschiedlichen sexuellen Orientierungen, drei heterosexuelle cisgender Personen, sowie 12 Personen aus dem sozialen Umfeld.
Die Ergebnisse zeigten, dass das persönliche soziale Umfeld selbst – obwohl es teilweise ebenso ein Hindernis für den Zugang zu Sorge und Unterstützung und ein allgemeiner Stressfaktor war – eine zentrale Bedeutung als sorgender und unterstützende Akteur einnahm. Dies gelang durch das Zeigen von Empathie und Akzeptanz, das Schaffen eines sicheren Gesprächsraums sowie durch Respekt vor den Bedürfnissen der jungen Menschen, wobei sich gegenseitiges Vertrauen und Offenheit als Voraussetzung dafür erwiesen. Darüber hinaus ermöglichte das persönliche soziale Umfeld Zugang zu professioneller Sorge und Unterstützung, indem es die Inanspruchnahme von Hilfe normalisierte und förderte, bei der Suche nach, der Kontaktaufnahme mit und der Begleitung zu professionellen Diensten half, oder professionelle Sorge und Unterstützung koordinierte.
Die Ergebnisse unterstreichen, dass informelle Sorge und Unterstützung selbst eine entscheidende Säule von Wohlbefinden, Prävention und Sorge, sowie eine wichtige Akteurin bei der Ermöglichung oder Erleichterung des Zugangs zu professioneller Sorge und Unterstützung ist.
Hitzewellen stellen ein erhebliches Gesundheitsrisiko für Arbeitnehmer:innen dar. Über Strategien zur Anpassung an Hitze im Gesundheitswesen ist bislang wenig bekannt. In dieser Studie untersuchen wir die Anwendung individueller Hitzeschutzstrategien bei Pflegekräften in der häuslichen Pflege in zwei Regionen der Schweiz.
Die Analyse basiert auf Daten einer Online-Umfrage unter 359 Pflegekräften in der ambulanten Pflege (Sommer 2024), ausgewertet mittels logistischer und Poisson-Regressionsanalysen. Die meisten Beschäftigten wandten bei Hitzeperioden individuelle Schutzstrategien an – «Anpassung der Kleidung», «ausreichende Flüssigkeitszufuhr» und «leichte Kost» wurden von 51–54% der Befragten genutzt. Nur 31% der Teilnehmer:innen in der Deutschschweiz erhielten von ihren Arbeitgebenden Empfehlungen zum Umgang mit Hitzewellen.
Die Anwendung individueller Strategien variierte je nach sozioökonomischen Faktoren: Frauen passten ihre Kleidung häufiger an als Männer; Befragte mit Hochschulabschluss häufiger als solche mit Berufsausbildung; und Befragte aus der italienischsprachigen Schweiz häufiger als jene aus der Deutschschweiz. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Verbesserung des Gesundheitsschutzes bei Hitzewellen nicht nur im Interesse der Arbeitnehmenden und ihrer Arbeitgebenden liegt, sondern auch der Gesellschaft insgesamt.
Wie tragen digitale Angebote im Gesundheitswesen zur Normalisierung gesundheitlicher Ungleichheit bei und welche ethischen Implikationen ergeben sich daraus?
Der Vortrag verbindet empirische Daten zur gesundheitlichen Chancengerechtigkeit und zur digitalen Gesundheitskompetenz, Theorien digitaler Ungleichheit und Konzepte der Techniksoziologie mit Gerechtigkeitstheorien und Ansätzen der Public-Health-Ethik. Diese Verbindung erlaubt es, digitale Innovationen nicht nur als technische, sondern als moralisch strukturierende Arrangements zu analysieren. Grundlegend ist die These, dass Digitalisierung zur Normalisierung gesundheitlicher Ungleichheit beitragen kann.
In einem ersten Schritt werden empirische Befunde zur Ungleichheit im Kontext von digitalen Gesundheitsangeboten dargelegt. In einem zweiten Schritt wird der Begriff «Normalisierung von Ungleichheit» geklärt und im Hinblick auf die im ersten Schritt beschriebenen empirischen Befunde analysiert. Es werden Mechanismen aufgezeigt, bei denen digitale Angebote gesundheitliche Ungleichheit normalisieren können. In einem letzten Schritt werden aus den vorangehenden Befunden ethische Implikationen abgeleitet.
Digitale Angebote können gesundheitliche Ungleichheit auf den drei Ebenen «Zugang», «Institution» und «Individuum» normalisieren. Die Mechanismen, die sich auf diesen drei Ebenen nachweisen lassen, erzeugen eine Spannung zwischen Innovationsförderung und Verteilungsgerechtigkeit, die eine ethische Rahmung und Interventionen auf der strukturellen Ebene erfordern. Für eine gerechte Digitalisierung im Gesundheitswesen braucht es die systematische Integration von Public-Health-Ethik und sozialwissenschaftlicher Ungleichheitsforschung in Innovations- und Governanceprozesse.
Trotz allgemeiner Gesundheitsverbesserungen bestehen weiterhin erhebliche gesundheitliche Ungleichheiten. Sozioökonomische Unterschiede beeinflussen nicht nur Krankheitsrisiken und Mortalität, sondern auch das Gesundheitsverhalten. Mit der zunehmenden Digitalisierung verändern sich zudem die Bedingungen der Gesundheitsinformation: Digitale Gesundheitsanwendungen, soziale Medien und Influencer eröffnen neue Informationswege, deren Zugang und Nutzung sozial ungleich verteilt sein können.
Vor diesem Hintergrund hat sich die digitale Gesundheitskompetenz (dGK) als zentraler analytischer Bezugspunkt etabliert. Sie gilt als Ressource zur Bewertung und Nutzung von Gesundheitsinformationen und wird als Mittel zur Reduktion gesundheitlicher Ungleichheiten diskutiert. Gleichzeitig weist die Literatur auf unzureichende theoretische Fundierung und methodische Schwächen bestehender Messinstrumente hin, die bislang nur begrenzt in die Weiterentwicklung des Konzepts einfliessen.
Der Beitrag untersucht daher, welche Faktoren innerhalb der wissenschaftlichen Wissensproduktion dazu führen, dass eine kritische Auseinandersetzung mit dGK nur eingeschränkt erfolgt. Theoretisch wird die Analyse durch Bourdieus Feldtheorie und Lakatos' Konzept wissenschaftlicher Forschungsprogramme gerahmt, um feldspezifische Logiken sowie die Stabilisierung wissenschaftlicher Programme zu erklären. Empirisch basiert die Untersuchung auf einer qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring. Analysiert wurden 17 Reviews, die im Rahmen eines Metareviews identifiziert wurden.
Die Ergebnisse zeigen Muster der Reproduktion und Verstetigung, etwa in der Nutzung theoretischer Fundierungen, methodischen Interpretationen und dem begrenzten Einbezug sozialer Perspektiven wie Interaktion, Umweltbedingungen und sozioökonomische Ressourcen. Sie spiegeln die Reproduktion dominanter Perspektiven im wissenschaftlichen Feld wider und verdeutlichen zugleich, dass das Forschungsprogramm der digitalen Gesundheitskompetenz gegenüber Kritik durch anpassbare Hilfshypothesen stabilisiert wird.
Dies hat direkte Relevanz für die Analyse gesundheitlicher Ungleichheit: Werden soziale Determinanten sowie ungleiche Zugänge und Nutzungsmuster digitaler Gesundheitsinformationen unzureichend berücksichtigt, erscheint dGK primär als individuelle Fähigkeit. Strukturelle Bedingungen wie Bildung, sozioökonomische Ressourcen oder digitale Infrastrukturen geraten dadurch aus dem Blick. Gesundheitliche Ungleichheiten können so als Kompetenzdefizite einzelner Gruppen interpretiert werden, statt als Ergebnis sozial strukturierter Informations- und Nutzungschancen.
Dieser Vortrag beleuchtet, wie Ungleichheiten im und durch das Gesundheitssystem entstehen und reproduziert werden. Im Fokus stehen hierbei nicht primär ungleiche Verteilungen von Zugang und Versorgungsqualität, sondern vielmehr die sozialen und kulturellen Prozesse, die innerhalb des Systems ablaufen. Anhand konkreter Beispiele wird aufgezeigt, wie soziale Probleme durch Prozesse der Medikalisierung und Klassifizierung definiert und im Gesundheitskontext verhandelt werden.
Medizin- und gesundheitssoziologische Forschung verdeutlicht, dass Gesundheit und Krankheit keine blossen biologischen Fakten sind und Behandlung nicht als rein rational-funktionale Versorgung verstanden werden kann, sondern durch soziale Interaktion, Kultur und Machtverhältnisse geformt sind. Dies zu berücksichtigen ist zentral, um zu verstehen, warum in diesem System, das Heilung, Hilfe und Sorge leistet, auch täglich Ungleichheit, Diskriminierung und Gewalt entstehen.
Diese sozialen Prozesse offenzulegen kann dazu beitragen, soziale Praktiken im System zu verändern, Krankheitserfahrungen zu verbessern und das System auf seine ethischen Grundprinzipien auszurichten. Indem die Medizin- und Gesundheitssoziologie diese Perspektive in den wissenschaftlichen und öffentlichen Diskurs einbringt und kritisch-reflexive Kompetenzen in der Ausbildung von Gesundheitsprofessionen fördert, erfüllt sie eine wichtige Aufgabe für die Gesellschaft und die Verbesserung unserer Gesundheitssysteme.
Der vorgeschlagene Beitrag befasst sich mit Ungleichheit in der Medizin weniger im Sinne kategorialer, sozialer Ungleichheit und ihrer (Re-)Produktion, sondern fasst stärker die Ungleichheit und Individualität von Fällen und ihrer Behandlung in den Blick. Es geht um die gewollte Ungleichbehandlung ungleicher Fälle.
Konkret befasst sich der Vortrag mit neuen Entwicklungen in der medizinischen Spitzenforschung, die sich als «personalisierte», bzw. «Präzisionsmedizin» ausflaggt. Diese wird seit ihrer Entstehung (um 2010) häufig mit dem Anspruch verbunden, «the right drug for the right person at the right time» zu liefern. Die beiden ersten Komponenten («right drug», «right person») wurden bereits in konkrete Anwendungen übersetzt. «Targeted therapies» etwa steuern gezielt betroffene Pfadwege an und Patientinnen werden nach molekularen Biomarkern stratifiziert. Der letztgenannte Aspekt aus der Formel, der zeitliche, ist allerdings bisher vage geblieben.
Dass das im Begriff ist sich zu ändern zeigt der vorgeschlagene Beitrag, indem er beschreibt, wie zeitliche Präzision jüngst als zentrale Komponente einer neuen Generation personalisierter Medizin hervortritt, die stark durch den Einsatz algorithmischer Werkzeuge und multimodaler Datenintegration geprägt ist. Basierend auf qualitativen Interviews mit führenden Expert*innen aus zwei der fortschrittlichsten Anwendungsfelder (personalisierte Immuntherapie und präzisionsmedizinische Behandlung chronischer Entzündungskrankheiten) werden fünf Formen von «zeitlicher Präzision» identifiziert, die neue therapeutische Ansätze auf diesen Feldern prägen: über Risikoabschätzung hinausgehende Vorhersage; genaues Timing von Interventionen; Synchronisierung von Therapieansätzen; Verschränkung von Prävention und Intervention; Auftreten zeitlicher Rückkopplungsschleifen.
Es wird argumentiert, dass in den besagten Forschungsbereichen zeitliche als eine neue Dimension von Personalisierung in Diagnose und Therapie eintritt und dass sich diese Entwicklung als Konsequenz des vermehrten Einsatzes datenintensiver und algorithmischer Technologien beschreiben lässt.
Um abschliessend noch einmal den Bogen zum Kongressthema zu schlagen, wird zuletzt auf zwei Verbindungen zwischen der Ungleichheit der Fälle und strukturellen Ungleichheiten im Gesundheitssystem eingegangen: Welche verborgenen molekularen Biases entstehen aufgrund der Selektivität der Populationsdaten, auf denen individualisierte Vorhersagen beruhen? Und wie wird der Transfer von Spitzenforschung zu Breitenversorgung gehandhabt (werden)?
Hintergrund: Gesundheitliche Ungleichheit entsteht nicht allein durch unterschiedliche soziale Lebenslagen, sondern wird auch vom Gesundheitssystem produziert. In der Schweiz zeigt eine aktuelle Studie, dass Patient:innen in sozioökonomisch benachteiligten Lebenslagen die Qualität der Gesundheitsversorgung insgesamt schlechter bewerten. Während zahlreiche Studien Diskriminierung und Ungleichbehandlung aus der Perspektive von Patient:innen untersuchen, ist bislang wenig darüber bekannt, wie angehende Gesundheitsfachkräfte solche Prozesse im klinischen Alltag wahrnehmen und einordnen. Studierende nehmen eine besondere Position ein, da sie noch nicht vollständig in professionelle Routinen eingebunden sind und Versorgungspraktiken häufig mit einer gewissen Distanz beobachten.
Methode: Im Rahmen einer Online-Studie zu Diskriminierung im Gesundheitswesen berichteten Studierende verschiedener Gesundheitsberufe über Fälle ungleicher, voreingenommener oder diskriminierender Patient:innenversorgung. Die Freitextantworten wurden qualitativ mittels deduktiver und induktiver Kodierung nach Kuckartz analysiert.
Resultate: Insgesamt nahmen 470 von 2176 Studierenden an der Befragung teil (Rücklaufquote 21%). 422 Studierende haben die Frage beantwortet, ob sie während der klinischen Ausbildung Ungleichbehandlung von Patient:innen durch Gesundheitsfachpersonen beobachtet haben. 49,8% (n = 210) von ihnen berichteten, entsprechende Vorfälle wahrgenommen zu haben, 29,4% (n = 124) waren sich unsicher, und 20,9% (n = 88) gaben an, keine beobachtet zu haben. Von den 210 Studierenden, die Diskriminierung beobachtet hatten, lieferten 182 Freitextbeschreibungen. Sie berichten von ungleicher oder diskriminierender Behandlung, wie dem Vorenthalten oder Verzögern von Versorgung, geringerer Zuwendung, mangelnder Einbindung in Entscheidungsprozesse sowie von verbal und körperlich übergriffigem Handeln. Die Studierenden erwähnten häufig als Ursache patientenseitige Eigenschaften wie Herkunft/Ethnie, Art der Erkrankung oder sozioökonomischer Status in Verbindung mit organisationalen Bedingungen wie Zeitdruck, Personalknappheit und hierarchischen Strukturen.
Schlussfolgerung: Die Perspektive von Studierenden gewährt einen Zugang zu sozialen Mechanismen gesundheitlicher Ungleichheit. Diese machen sichtbar, wie Ungleichbehandlung im Zusammenspiel von professionellen Routinen, Kategorisierungen und organisationalen Bedingungen entsteht und im klinischen Alltag reproduziert werden. Zugleich verweisen die Ergebnisse auf die Bedeutung des klinischen Lernumfelds und des sogenannten «Hidden Curriculum» für die (Re-)Produktion gesundheitlicher Ungleichheit.
Social Prescribing – das Verschreiben von sozialen Rezepten durch medizinisches Personal – hat mit der COVID-19 Pandemie und der Enttabuisierung von sozialer Isolation und Einsamkeit neuen Schub erhalten. Seither gewinnt der auf den britischen Inseln etablierte Ansatz weltweit an Aufmerksamkeit, wird in Pilotprojekten umgesetzt und wissenschaftlich begleitet. Die mediale Berichterstattung sowie der Druck nach einfachen Lösungen für eine effizientere Gesundheitsversorgung führte auch dazu, dass sich die Begriffsdeutung sowohl in Praxis als auch in der Wissenschaft verselbständigt hat. Analog zum Begriff der Gesundheitskompetenz erschien mit Social Prescribing ein Instrument, das als Allheilmittel zur Behandlung von sozialen Problemlagen gehandelt wird, das Untiefen der Gesundheitsversorgung beheben und für mehr gesundheitliche Chancengleichheit sorgen soll.
Im Beitrag wird der Frage nachgegangen, welche Parallelen zwischen den beiden verhaltensorientierten Ansätzen zur Stärkung der öffentlichen Gesundheit identifiziert werden können. Konkret wird den folgenden Fragen nachgegangen: Welchen Nutzen erbrachten die millionenschweren Projekte zur Stärkung der Gesundheitskompetenz? Auf welchen Evidenzgrundlagen steht Social Prescribing? Welche theoretischen Grundlagen untermauern die beiden Trends in der Gesundheitsversorgung? Welche Erfahrungen werden in den derzeit laufenden Projekten der Schweiz gemacht?
Im Beitrag werden zunächst die beiden Konzepte erklärt und der dazugehörige Forschungsstand präsentiert. Anschliessend wird aufgezeigt, dass die beiden Ansätze auf einem eher theoriearmen Fundament stehen. Die Symptome dieser Theorieferne sind uneinheitliche Definitionen, eine Vielzahl unterschiedlicher Wirkungsindikatoren, zweifelhafte Forschungsdesigns und letztendlich die Okkupation sozialer Probleme durch eine biomedizinische Denkweise. Zum Schluss des Beitrags wird diskutiert, wie eine soziale(re) Gesundheitsversorgung umgesetzt werden kann, welche Rolle Social Prescribing dafür einnehmen könnte und welche Aufgaben die Sozialwissenschaften übernehmen dürften.
In dieser Präsentation werden zentrale Ergebnisse des Berichts zu gesundheitlichen Ungleichheiten in der Schweiz vorgestellt. Ziel des Berichts ist es, das Bewusstsein für gesundheitliche Ungleichheiten zu stärken, evidenzbasierte Grundlagen für Politik und Praxis bereitzustellen und bestehende Datenlücken zu identifizieren.
Der Bericht enthält quantitative Analysen von rund 30 Indikatoren zu Gesundheitszustand, gesundheitsrelevantem Verhalten, Ressourcen und Belastungen sowie zur Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen. Neben Analysen von Datenquellen wie der Schweizerischen Gesundheitsbefragung (SGB), der Erhebung zu Einkommen und Lebensbedingungen (SILC) sowie Health Behaviour in School-aged Children (HBSC) wurden Daten der Medizinischen Statistik, der Todesursachenstatistik und der Nationalen Krebsstatistik verknüpft. Dieses Vorgehen ermöglicht es, Aussagen zu Hospitalisierungen, Mortalität und Krebserkrankungen auf Individualebene zu treffen und zeigt das Potenzial von Datenverknüpfungen auf.
Die Ergebnisse zeigen deutliche Ungleichheiten entlang der Merkmale Geschlecht, Bildung und finanzielle Situation. Darüber hinaus enthält der Bericht Ergebnisse zu Geschlechtsmodalität, sexueller Orientierung und Aufenthaltsstatus. In der Präsentation werden ausgewählte Befunde vorgestellt und im Kontext der aktuellen Datenlage diskutiert.
Die Perimenopause, auch Wechseljahre genannt, stellt eine biografisch wie sozial bedeutsame Übergangsphase dar; sie bleibt in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung sowie in der Versorgungspraxis und im öffentlichen Diskurs noch weitgehend unterrepräsentiert bzw. wird rein aus biomedizinischer Perspektive betrachtet. Vor dem Hintergrund persistenter geschlechtsspezifischer sozialer Ungleichheiten fragt der Beitrag aus einer wissenssoziologischen Perspektive nach den sozialen Bedingungen, Prozessen und Folgen unter denen perimenopausale Beschwerden als «behandlungsbedürftig» anerkannt, individualisiert oder bagatellisiert werden.
Theoretisch knüpft der Beitrag an wissenssoziologische Ansätze an, die Wissen als sozial situiert, machtvoll strukturiert und institutionell gerahmt begreifen. Diagnosestellungen werden als Aushandlungsprozesse verstanden, in denen alltagsweltliches Erfahrungswissen, biomedizinisches Expert:innenwissen und (digital) zirkulierendes Laienwissen aufeinandertreffen. Dabei wird davon ausgegangen, dass die soziale Lage, Bildungsgrad, Migrationsgeschichte und die Versorgungssituation den Zugang zu legitimen Deutungsangeboten ungleich verteilen.
Empirisch basiert der Beitrag auf Workshops mit perimenopausalen Frauen unterschiedlicher sozialer Hintergründe. In moderierten Gruppensettings werden so kollektive Erfahrungsnarrative zur Symptomwahrnehmung, zur Suche nach Diagnosen und der Interaktionen mit dem Gesundheitssystem rekonstruiert. Leitfadengestützte Interviews mit Gynäkolog:innen komplettieren das Sample. Die Auswertung erfolgt mittels Deutungsmusteranalysen, der Analyse von Klassifikationen, Legitimationsfiguren und damit verknüpften Wissensordnungen.
Die Perimenopause kann insgesamt als Feld verdichteter Wissensasymmetrien konturiert werden: Einerseits berichten Frauen von epistemischer Infragestellung ihrer Beschwerden, insbesondere, wenn Symptome unspezifisch sind oder sich nicht in klassischen Leitlinien wiederfinden lassen. Andererseits entstehen durch digitale Selbstvermessung und Online-Communities neue Formen kollektiver Gegenexpertise, die medizinische Autorität partiell verschieben, jedoch ebenfalls sozial selektiv zugänglich sind und gleichermaßen Fehlinformation verbreiten. Auch Nicht-Wissen spielt sowohl auf Seiten perimenopausaler Frauen als auch auf Seiten medizinischer Versorger:innen und der digitalen Öffentlichkeit eine Rolle. Der Beitrag diskutiert, inwiefern diese Dynamiken soziale Ungleichheiten (re-)produzieren oder transformieren, und plädiert für eine stärkere Anerkennung von Erfahrungen und Beschwerden in Diagnostik und Versorgungspraxis.
Diese Studie untersucht geschlechtsspezifische Ungleichheiten bei kognitiven Beeinträchtigungen in 26 europäischen Ländern. Sie erweitert die Forschung zu Geschlecht und kognitiver Gesundheit im Alter, indem sie einen Index zur Identifizierung von Personen mit einem erhöhten Risiko für geringe kognitive Leistungsfähigkeit einführt, der auf standardisierten Tests zum Erinnerungsvermögen basiert. Zudem analysiert sie geschlechtsspezifische Unterschiede in verschiedenen Wohlfahrtsregimen, mit besonderem Fokus auf den Erklärungsbeitrag sozialer Integration, gemessen anhand eines umfassenden Indexes sozialer Beziehungen und Aktivitäten.
Die Analysen beruhen auf Daten der neunten Welle des Survey of Health, Ageing, and Retirement in Europe (SHARE). Die Prävalenz kognitiver Beeinträchtigungen variiert deutlich zwischen diesen Regimen und ist im post-sozialistischen und familialistischen Regime höher als im sozialdemokratischen, liberalen und konservativen Regime. Frauen sind im sozialdemokratischen und postkommunistischen Wohlfahrtsregime seltener von kognitiven Beeinträchtigungen betroffen als Männer. In den konservativen und familialistischen Regimen zeigen sich hingegen zunächst keine geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Prävalenz. Gleichzeitig sind Frauen in diesen Kontexten jedoch in geringerem Masse in (ausserfamiliale) soziale Netzwerke und Aktivitäten eingebunden.
Multivariable logistische Regressionsmodelle weisen insgesamt auf einen protektiven Einfluss sozialer Integration für die kognitive Gesundheit hin. Unter Berücksichtigung geschlechtsspezifischer Unterschiede in der sozialen Integration sowie weiterer Kovariaten zeigt sich auch in den konservativen und familialistischen Regimen ein geringeres Risiko kognitiver Beeinträchtigungen bei Frauen. Dies deutet darauf hin, dass Unterschiede in der sozialen Einbindung einen Teil der beobachteten Geschlechterunterschiede erklären und zugleich kognitive Vorteile von Frauen sichtbar machen, die ohne Berücksichtigung sozialer Faktoren unentdeckt bleiben.
Die Ergebnisse unterstreichen die zentrale Bedeutung des gesellschaftlichen und institutionellen Kontexts für gesundes kognitives Altern. Soziale Integration erweist sich als ein veränderbarer und potenziell politisch gestaltbarer Schutzfaktor. Insbesondere in Wohlfahrtsregimen mit traditionelleren Geschlechterrollen und geringeren Möglichkeiten ausserfamilialer Partizipation besteht Potenzial, durch die Förderung sozialer Teilhabe kognitive Gesundheit zu stärken und geschlechtsspezifische Ungleichheiten zu reduzieren.
Die demografische Entwicklung in der Schweiz, wie auch international, hat zu einem deutlichen Anstieg an älteren Arbeitnehmenden geführt und es verbleiben heute mehr Frauen als je zuvor während der Menopause im Berufsleben. Bestehende Forschung zeigt, dass rund 80% der Frauen Symptome der (Peri-)Menopause erleben, die bei etwa 20% stark ausgeprägt sind. Diese Beschwerden können den privaten und beruflichen Alltag erheblich beeinträchtigen und sich langfristig auf Erwerbsbiografien, finanzielle Sicherheit und das Risiko von Prekarität auswirken – sowohl während des Arbeitslebens als auch im Hinblick auf die Pensionierung. In einer zunehmend flexibilisierten Arbeitswelt mit hybriden Beschäftigungsformen und hohem Teilzeitanteil besteht denn auch die Gefahr, dass bestehende Ungleichheiten weiter verstärkt werden. Frauen sind überdurchschnittlich häufig in prekären oder diskontinuierlichen Arbeitsverhältnissen tätig und damit besonders von Herausforderungen des Alters im Erwerbsleben betroffen. Die (Peri-)Menopause stellt somit einen bislang unterschätzten Aspekt geschlechtsspezifischen Alterns dar, der nicht nur individuelle Gesundheit und Karrierechancen beeinflusst, sondern auch Fragen von Diversität, Inklusion und sozialer Gerechtigkeit im Arbeitskontext berührt.
Trotz ihrer Relevanz gilt die Menopause insbesondere am Arbeitsplatz weiterhin als Tabuthema und wird oftmals stigmatisiert. Vor diesem Hintergrund führen wir derzeit die Studie «Health & Ageing at Work (HAWK): A Study of Menopause in Switzerland» durch. Das Ziel der Studie ist es, ein vertieftes Verständnis der Auswirkungen des Alterns im beruflichen Kontext zu gewinnen und Strategien im Umgang mit menopausalen Veränderungen sichtbar zu machen. Dazu werden Interviews, Beobachtungen sowie eine breit angelegte Online-Befragung von rund 1'800 Frauen ab 45 Jahren durchgeführt, die in unterschiedlichen Schweizer Gesundheitsinstitutionen tätig sind. Die Studie trägt dazu bei, ein häufig tabuisiertes Thema in den Fokus der betrieblichen Diskussion zu rücken, Bedarfe von Betroffenen sichtbar zu machen und Ansatzpunkte für organisatorische Unterstützungsmassnahmen zu identifizieren.
Der Beitrag untersucht den Zugang zu freiwilligen Sterilisationen für kinderfreie Cis-Frauen in Österreich. Ausgehend von einer sozialkonstruktivistischen Perspektive wird folgende Frage diskutiert: Wie wird der Zugang zur freiwilligen Sterilisation sozial hergestellt? Als theoretische Grundlage dienen Raewyn Connells Konzepte des vergeschlechtlichten Körpers sowie körperreflexiver Praktiken. Ergänzend werden unterschiedliche Autonomiekonzepte, darunter die individualistische, relationale sowie phänomenologische Definition von Autonomie, für die Diskussion genutzt. Die empirische Grundlage bilden qualitative Interviews mit sieben sterilisierten Cis-Frauen sowie zwei Gynäkolog*innen aus Österreich, welche mithilfe der dokumentarischen Methode ausgewertet wurden.
Aus einer geschlechter- und körpersoziologischen Perspektive wird argumentiert, dass der Zugang zu einer freiwilligen Sterilisation nicht auf objektiven oder neutralen Kriterien beruht, sondern sozial hergestellt wird. Im Zentrum steht dabei der vergeschlechtlichte Körper, welcher sowohl materiell als auch sozial ist. So werden weibliche Körper gesellschaftlich mit der Fähigkeit und Erwartung des Kindergebärens in Verbindung gesetzt. Vor dem Hintergrund pronatalistischer und heteronormativer Normen, die Weiblichkeit mit Mutterschaft gleichsetzen, entstehen für Personen mit Uterus spezifische Zugangsbarrieren bei einem Sterilisationswunsch. Besonders betroffen sind jüngere Frauen, denen ein höheres «Reproduktionspotenzial» zugeschrieben wird. Die freiwillige Sterilisation lässt sich dabei in zweifacher Hinsicht als körperreflexive Praxis verstehen. Einerseits sehen sich kinderfreie Frauen aufgrund des vergeschlechtlichten Körpers mit geschlechtsspezifischen Ablehnungsargumenten im ärztlichen und privaten Umfeld konfrontiert. Andererseits sehen die befragten Frauen die Sterilisation als Akt der Selbstbestimmung über ihren Körper und ihre Reproduktionsfähigkeit und grenzen sich damit von normativen Weiblichkeitsbildern ab.
Die Ergebnisse deuten zudem auf eine Diskrepanz zwischen dem in der Medizin vorherrschenden individualistischen Autonomieverständnis und den relationalen Autonomieerfahrungen der sterilisierten Frauen hin. Obwohl Ärzt*innen ihre Patient*innen grundsätzlich als autonome Subjekte anerkennen, wird deren Entscheidung häufig infrage gestellt. Zugleich zeigt sich, dass der Zugang zu einer Sterilisation davon abhängt, ob Betroffene über Informationen zu entsprechenden Ärzt*innen sowie über soziale, emotionale und finanzielle Ressourcen verfügen. Der Beitrag zeigt damit, dass dieser Zugang wesentlich durch soziale Konstruktionen von Geschlecht, Körper und Autonomie geprägt ist.
Frauen mit Migrationserfahrung, mit niedrigem sozioökonomischem Status, oder psychosozialer Vulnerabilität haben häufig weniger gute Outcomes als der Schweizer Durchschnitt während Schwangerschaft, Geburt und Postpartum, sowie höhere Mortalität, Morbidität und perinatale Depression.
Obwohl dieser Zusammenhang bekannt ist, besteht ein deutliches Forschungsdefizit bezüglich des Beitrags des Gesundheitssystems (z.B. Organisation der geburtshilflichen Versorgung, Organisation der Spitäler) zu diesen Disparitäten.
Im Rahmen des SNF-Projekts «Gesundheitliche Chancengleichheit in der Geburtshilfe» (2023–2026) haben wir deshalb institutionelle und systemische Barrieren zur Chancengleichheit untersucht. Innerhalb unserer Mixed Methods Studie haben wir qualitative Interviews mit 30 Expert:innen sowie 48 geburtshilflichen Gesundheitsfachpersonen (Hebammen, Gynäkolog:innen und Geburtshelfer:innen) aus allen drei Schweizer Sprachregionen geführt, sowie eine quantitative Befragung mit 130 geburtshilflichen Gesundheitsfachpersonen durchgeführt.
Unsere Ergebnisse zeigen, dass geburtshilfliche Institutionen in der Schweiz zu wenig auf eine diverse Klientel ausgerichtet sind (Frauen mit Migrationserfahrungen und Benachteiligungen). Gesundheitsfachpersonen haben wenig standardisierte Tools, um die soziale Vulnerabilität der Frauen einzuschätzen, sowie wenig institutionelle Unterstützung. Gleichzeitig zeigt sich, dass die perinatale Gesundheitsversorgung in der Schweiz zu wenig flexibel ist, um auf verschiedene Klientinnenprofile zu reagieren. Die meisten Prozesse sind für eine idealtypische Schwangere konzipiert, welche spezifische Kompetenzen mitbringt, z.B. die lokale Sprache fliessend spricht und eine hohe Gesundheitskompetenz hat, aber auch für jemand der gewisse Ressourcen hat, wie z.B. eine heterosexuelle Partnerschaft, sicherer Aufenthaltsstatus etc. Frauen mit Profilen, die von diesem idealtypischen Bild abweichen, werden häufig systemisch und institutionell benachteiligt, trotz Bemühungen von Seiten der Gesundheitsfachpersonen.
Diese systemische Benachteiligung kann wiederum zu einer Wahrnehmung der vulnerablen Frauenprofilen als «schwierig» durch die Gesundheitsfachpersonen führen, was wiederum zu einer weniger qualitativ hochstehenden Betreuung dieser Frauen beitragen kann und schlussendlich zu einer Erfahrung reproduktiver Ungerechtigkeit.
Studien zu peripartalen Ungleichheiten zeigen seit längerem deutlich unterschiedliche Versorgungsverläufe entlang von Migrationserfahrung, sozialer Lage und Sprachkompetenzen. Vergleichsweise wenig untersucht ist bislang jedoch, wie Organisationen peripartaler Versorgung soziale Ungleichheit und ihre verschiedenen Ausprägungen verarbeiten und dabei zur Reproduktion, Verminderung oder Verstärkung ungleicher Lagen beitragen. Der Beitrag untersucht die organisationale Verarbeitung sozialer Ungleichheit in der peripartalen Versorgung und knüpft an Arbeiten zu institutioneller Diskriminierung, organisationssoziologischer Fallbearbeitung, Street-Level Bureaucracy sowie an Pierre Bourdieus Perspektiven auf Passungsverhältnisse zwischen Habitus und Feld an.
Die empirische Grundlage bilden qualitative Interviews mit 48 Gesundheitsfachpersonen sowie 30 Expert:innen aus der deutsch-, französisch- und der italienischsprachigen Schweiz, die im Rahmen des SNF-Projekts «Gesundheitliche Chancengleichheit während Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett» (2023–2026) erhoben wurden. Die Auswertung rekonstruiert Mechanismen auf drei Ebenen: erstens Mechanismen selektiver institutioneller Sichtbarmachung von Belastungslagen, zweitens Mechanismen der Klassifizierung und Bewertung, etwa Kulturalisierung, normative Erwartungen sozialer Passung oder moralische Legitimitätszuschreibungen, sowie drittens organisationale Formen der Bearbeitung sozialer Ungleichheit unter Bedingungen fragmentierter sozialer Zuständigkeiten, informeller Kompensationsarbeit sowie infrastrukturell ungleicher Bearbeitungskapazitäten.
Die Analyse zeigt, dass soziale Ungleichheitslagen und ihre unterschiedlichen Erscheinungsformen in der peripartalen Versorgung infrastrukturell deutlich schwächer verankert und weniger systematisch erfasst und bearbeitet werden als medizinische Risiken, obwohl der Umgang mit unterschiedlichen sozialen, kommunikativen und koordinativen Voraussetzungen konstitutiv für die Versorgungspraxis ist. Diese asymmetrische organisationale Wahrnehmung, Klassifizierung und Bearbeitung sozialer Ungleichheit kann dazu führen, dass der Betreuungs- und Behandlungsbedarf von Frauen mit ungünstigeren Voraussetzungen systematisch schwieriger sichtbar und berücksichtigbar sowie stärker von situativen, diskretionären oder informellen Versorgungspraktiken abhängig bearbeitbar werden. Peripartale Ungleichheiten sind so nicht allein als Ausdruck sozial ungleich verteilter Lebenslagen, sondern auch als Ergebnis organisationaler Mechanismen routinisierter Versorgung zu verstehen.