Aufgrund ihrer konstitutiven Heterogenität hat die Stadt die Soziologen immer fasziniert. Von Max Weber über Engels, die Chicagoer Schule bis Bruno Latour wird von den Soziologen die Stadt als der „böse Geist“ wahrgenommen, dessen Komplexität allen monolithischen Formalisierungen widersteht. Nun verändert sich die Stadt radikal. Diese aktuellen Umwandlungen – Übergang vor der industriellen Stadt zum urbanen Raum und Lebensweisen ohne klare Grenzen, vom Stadtregime zur Metropolenbildung – gehen einher mit dem Wandel der Produktionsweisen (vom industriellen Kapitalismus zur vernetzten Produktion, unsichtbar gemacht und delokalisiert, die als Spätkapitalismus sowie als projektbezogener oder kognitiver Kapitalismus bezeichnet wird). Von der industriellen Stadt bis zur Metropole lässt sich eine doppelte Dynamik beobachten: Zersiedelung (Suburbanisierung, Periurbanisieung, „Rurbanisierung“, diffuse Stadt) und Verdichtung (Bildung von Entscheidungszentren, von infrastrukturellen Hubs, von Produktionsclusters, von urbanen Zonen). Während die grossen Agglomerationen sich polarisieren und Netzwerke auf weltweiter Ebene bilden, zeichnen sich ihre Metropolitangebiete durch zunehmende Fragmentierungen aus, sowohl in räumlicher Hinsicht als auch mit Blick auf soziale Ungleichheiten. Die Dominanz der Stadtzentren in den heutigen Produktionssystemen führt zu einer Metamorphose der Inwertsetzungsprozesse von Räumen und Territorien. Die konstitutive Heterogenität der Städte nimmt aufgrund dieser Transformationen, zu denen sich eine Mobilitätsvielfalt gesellt, die weit mehr als die klassischen Migrationsformen umfasst, weiter zu.

Die Stadt bleibt deshalb ein Laboratorium für die Erforschung der politischen Arbeit am Gemeinsamen, des Ausdrucks von Differenzen sowie neuartiger Modalitäten von Macht und Herrschaft.

Die Entwicklung der Immobilienpreise und die Globalisierung der Ökonomie, der Wandel der Produktionsweisen und damit auch der Produktion des Raumes, der Lebensweisen, der Gewohnheiten sowie der Subjektivitäten, rufen nach einer transversalen Soziologie: Gefragt ist eine Soziologie, die fähig ist, Macht- und Unterdrückungsmechanismen im Zusammenspiel mit der Veränderung der Lebensweisen, der Raumstrukturen und der individuellen Erfahrungen und „spacings“ zu analysieren.

Mehr als die Stadtsoziologie versammelt die urbane Soziologie deshalb originelle und vielfältige Arbeiten. Das Urbane bleibt stets im Zentrum der Forschung, während sich der Fokus an den jeweiligen Gegenstand anpasst und verschiebt:

(1) Die urbane Soziologie ist transdisziplinär und arbeitet eng mit verwandten Disziplinen (insbesondere « urban studies », Stadtentwicklung, Geographie, Philosophie und politische Wissenschaft), um die Wechselwirkungen zwischen der Stadt bzw. dem « Urbanen » und der ganzen Gesellschaft zu erfassen.

(2) Durch diese Transdisziplinarität sowie die gezielten Mehrsprachigkeit der Arbeitsgruppe werden Konzepte und Methoden geschmiedet, die es erlauben, die drei Ebenen des Urbanen und deren Wechselwirkungen zu in den Blick zu nehmen: räumliche Formen, alltägliche Verhaltensweisen und Erfahrungen, sowie institutionelle Systeme.

(3) Um urbane Phänomene adäquat zu erfassen, muss auf verschiedene Massstäbe und Verbindungen zwischen den Ebenen geachtet werden, die in deren Hervorbringung zum Tragen kommen: Der Blick muss sowohl auf die Rolle der EinwohnerInnen hinsichtlich der urbanen Produktion als auch auf grössere strukturelle Auseinandersetzungen gerichtet werden. Die Stadtsoziologie erneuert sich, indem sie zwei Ebenen besondere Aufmerksamkeit schenkt, die im Zentrum der zeitgenössischen Sozialwissenschaften stehen: die Dichte der menschlichen Erfahrungen (komplexe Räumlichkeiten/„Spacings“, Gefühle, Engagements) und das Aufkommen neuer Machtformen (Veränderungen der normativen Systeme und der Kontrollformen, Rolle der neuen Technologien, „Prozeduralisierung“ des Rechts, etc.)

(4) Von daher ist in der urbanen Soziologie der Gegensatz zwischen Mikro- und Makrosoziologie als überholt zu betrachten.

So rufen uns die Metamorphosen der Stadt zu einer erneuerten Infragestellung des urbanen Phänomens auf, für die auch eine Erneuerung der Forschungsinstrumente benötigt wird (Konzepte, Methoden, Problemstellungen).